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n=n – Gedanken zum 01.12.2018

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n=n – keine Illusion, sondern bewiesene Realität. Ein Fakt. Tatsache. Und die Botschaft gegen Diskriminierung und Stigmatisierung. Aber eine Botschaft, das begleitet werden muss.

Die Botschaft der 1980/1990er-Jahre „Kondome schützen“ war eingängig, leicht verständlich. (Nicht umsonst sitzt sie so fest in den Köpfen der Gesellschaft.) n=n ist dagegen sperriger, nicht sofort verständlich, nicht so eingängig.

Was bedeutet n=n?

n=n ist die deutsche Version der weltweiten Botschaft u=u und steht für: undetectable = untransmittable – oder auf deutsch: nicht nachweisbar = nicht übertragbar. Das heißt, dass ein Menschen mit HIV, der dauerhaft seine HAART (Therapie) einnimmt und bei dem das HI-Virus im Blut nicht mehr nachweisbar ist in Bezug auf HIV nicht mehr ansteckend ist. Das Virus ist nicht mehr übertragbar. Eine Übertragung des Virus und somit eine Ansteckung ist also nicht mehr möglich.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, wie es vielleicht auf dem ersten Blick erscheint. Schon die 2008 erschienene EKAF-Studie in der Schweiz sagt dies (wenn auch erst noch sehr vorsichtig) aus. Weitere Studien haben die Ergebnisse bestätigt und untermauert. Aber von der diesjährigen 22. Internationalen Aids-Konferenz im Juli in Amsterdam ging ein solch starker Impuls in Bezug auf die Nichtübertragbarkeit aus, dass sich dies nun in den Aidshilfen, den Selbsthilfen und bei den Aktivist*innen widerspiegelt.

So beschäftigt sich die diesjährige Welt-Aidstags-Kampagne der DAH (Deutschen AIDS-Hilfe e.V.) genau mit diesem Thema. 10 Jahre nach EKAF wissen nur 10% von der Nichtübertragbarkeit. Dies soll sich mit dem #wissenverdoppeln ändern. Immer mehr Menschen sollen von der Nichtübertragbarkeit, also von n=n erfahren. Ebenso beschäftigt sich eine Themenwerkstatt der DAH bis zur nächsten PositivenBegegnung 2020 mit diesem Thema. All dies ist aber nur ein Auftakt und ein Anfang.

Wie gesagt, n=n ist nicht unbedingt verständlich und eingängig. Deswegen muss diese Botschaft begleitet, der Gesellschaft – und zwar ALLEN Bereich der Gesellschaft, denn auch in der schwulen Community kommt es in Bezug auf HIV immer wieder zu Diskriminierung und Stigmatisierung – verständlich gemacht werden.

Dabei geht es nicht nur darum, dass bei n=n HIV nicht mehr übertragbar ist, sondern es geht dabei auch und vielleicht sogar in erster Linie darum alte Bilder, Vorurteile und Ängste abzubauen. Denn diese herrschen leider immer noch vor. Mit n=n können die alten Bilder durch die aktuellen und neuen Bilder von Menschen mit HIV ausgetauscht, Vorurteile können beiseite gelegt und mittlerweile unbegründete Ängste abgebaut werden. Alte Schubladen können endlich endgültig geschlossen werden. Mit n=n haben die Aidshilfen, Selbsthilfen und Aktivist*innen nun ein Werkzeug, wenn nicht sogar das Werkzeug um etwas gegen Diskriminierung und Stigmatisierung zu unternehmen und bewirken zu können. Dazu kann die Angst und Scham auf Seiten der Menschen mit HIV mit dem Virus zu leben und somit Selbststigmatisierung abgebaut werden. Außerdem ist es eine Chance die Ziele der Fast-Track-City „0-90-90-90“ zu erreichen. Denn wenn die „0“ erreicht ist, Menschen mit HIV nicht mehr diskriminiert und stigmatisiert werden, kann dies Menschen dazu ermuntern sich 1. selbst auf HIV testen zu lassen und 2. eine entsprechende Therapie zu beginnen. Denn erst so können die anderen Ziele auch erreicht werden.

Was mir n=n bedeutet?

Es ist eine große Entlastung und Erleichterung für mich! Natürlich nehme ich die Therapie in erster Linie aus egoistischen Gründen, da ich gesund bleiben und lange leben, nicht an Aids erkranken möchte. Aber das „Nebenprodukt“ von n=n empfinde ich als sehr positive Nebenwirkung. Und dies fühlt sich für mich nicht nur entlastend, sondern sogar befreiend an. Ich mag kondomlosen Sex! Ich finde dies natürlicher und spontaner, entspannter. Und durch n=n kann ich mich wieder der Leidenschaft hingeben. Denn ich muss in Bezug auf HIV nicht mehr ans Kondom denken, weil: Ich bin nicht infektiös! Ich bin nicht ansteckend! Welch Befreiungsschlag! Welch Entlastung! Denn ich weiß, dass ich niemanden das HI-Virus weitergeben, es nicht mehr übertagen kann. Mit n=n hast Sex für mich wieder seine Natürlichkeit und seine entspannende Wirkung bekommen. Ich kann mich meinem Gegenüber wieder hingeben, den Kopf ausschalten und darf genießen – mit allen Sinnen.

Natürlich bezieht sich n=n nur auf HIV. In Bezug auf STDs muss ich weiterhin aufpassen und mit mir und meinem Gegenüber verantwortungsbewusst umgehen (- wie früher, denn auch Kondome haben nie 100% vor STDs geschützt).

Mit den nun angelaufenen verschiedenen Kampagnen der DAH und anderer Aidshilfen zu n=n ist der Diskriminierungs- und Stigmatisierungs-Drops natürlich noch nicht gelutscht. Es ist ein Anfang. Ein Anfang, der wahrscheinlich mit viel Einsatz, Kraft, Ausdauer, starken Nerven und Beharrlichkeit über die nächsten Monate, ja vielleicht sogar Jahre weitergeführt werden muss. Aber es lohnt sich! Und es geht dabei nicht nur um die gesellschaftliche Ebene, sondern auch auf politischer Ebene muss sich etwas tun. Nicht nur die Aids- und Selbsthilfen mit allen Aktivist*innen müssen sich zu der Realität n=n bekennen, sondern auch die Politik und das Gesundheitswesen. Und wie können wir dies erreichen? Gemeinsam und solidarisch!

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