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Nur mit euch

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Tag der Deutschen Einheit. 28. Jahrestag. Die Mauer steht nun länger nicht mehr, als dass sie stand. Gefeiert wurde in den letzten beiden Tagen und heute insbesondere in Berlin, da hier die offiziellen Feierlichkeiten stattfanden. Und da frech manchmal weit kommt durfte ich heute an diesen Feierlichkeiten teilnehmen.

Es war schon ein tolles Gefühl die Feierlichkeiten nicht nur, wie die letzten Jahre, am Fernseher zu verfolgen, sondern live dabei zu sein. Aufzustehen und sich herausputzen. Durch die Sicherheitskontrolle, wo ich freudig begrüßt wurde von der Dame, der ich die Teilnahme zu verdanken habe. Dann in den Berliner Dom. Erst kurz nach 9Uhr, aber ich bin nicht der Erste. Langsam füllen sich die Reihen. Dann, kurz vor Beginn des Gottesdienstes, nehmen der Bundespräsident, der Bundestagspräsident, der Bundesratspräsident und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts samt Gattinnen ihre Plätze ein. Nicht zu vergessen die Bundeskanzlerin. Dann beginnt der Gottesdienst. Nach dem Gottesdienst laufe ich den Weg vom Berliner Dom rüber zur Staatsoper unter den Linden. Genieße die Sonnenstrahlen. Und plötzlich, ich entdecke den Bundespräsidenten, wie er am Wegesrand Hände schüttelt. Und während ich mein Smartphone nach ein paar Fotos wieder einstecke läuft er auf einmal den gesamten Weg direkt vor mir her. Keine zwei Meter zwischen uns. Ich überlege kurz, aber nein, ein Selfie auf dem Weg ist unangebracht. Außerdem gucken die Bodyguards schon… Also hinter ihm her und in die Staatsoper. Ich möchte mir einen guten Platz sichern und finde diesen. Der Saal füllt sich wieder. Und neben Politikern, Repräsentanten, Geistlichen, Vertretern der Wirtschaft und Wissenschaft auch Menschen aus dem Gemeinwesen, Ehrenamtliche und Menschen, die sich für andere Menschen einsetzen. Und dazwischen – ich.

Wie ich an die Einladung gekommen bin? Vor langer Zeit, als ich mitbekam, dass die Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit 2018 in Berlin stattfinden habe ich schon die Senatsverwaltung angeschrieben und angefragt, was ich machen müsste um an diesen Feierlichkeiten teilzunehmen. Die Antwort war aber eine Absage. Nur geladene Gäste, Menschen die sich „verdient“ gemacht haben und die unterschiedlichen Bereiche des gesellschaftlichen Miteinanders repräsentieren können an eine Einladung bekommen. Damit habe ich mich aber nicht zufrieden gegeben. Ich merkte an, dass ich ja auch Vorstandsmitglied eines neugegründeten Vereins in Berlin bin, pro plus berlin e.V., und wir uns für neue Bilder von Menschen mit HIV und die Abschaffung von Diskriminierung und Stigmatisierung einsetzen – und es ja ein tolles Zeichen wäre, wenn so ein junger Verein eine Unterstützung und Wertschätzung durch die Einladung bekommen würde. Da kam dann nichts mehr… Bis vor gut drei Wochen. Plötzlich kam die Email, dass ich zu den Feierlichkeiten eingeladen bin und bekam alle entsprechenden Unterlagen zugeschickt. Und was sehe ich auf dem Umschlag und der Einlasskarte – unseren Vereinsnamen. Ist das nicht ein tolles Zeichen? So kam ich in die Staatsoper.

Im Anschluss an den Festakt darf ich sogar noch zum Empfang des Bundespräsidenten. Der Saal ist voll. Es gibt kleine Häppchen und Getränke. Es ist warm. Ein lautes Stimmengewirr. Aber wer alles auf Tuchfüllung an mit vorbei geht: Klaus Wowereit, Kurt Beck, Katarina Barley, Franziska Giffey, Joachim Gauck, Wolfgang Schäuble, Dietmar Woidke, Bodo Ramelow – um nur wenige zu nennen. Faszinierend. Aber so alleine, leider durfte ich ja keine Begleitperson mitnehmen, fühle ich mich doch etwas verloren. Und alle sind im Gespräch. Also mache ich mich nach einem Glas Mineralwasser und ein paar Runden durch den Saal mit vielen Eindrücken und einem tollen Gefühl  langsam wieder auf dem Heimweg.

Nur mit euch war das diesjährige Motte des Tages der Deutschen Einheit. Auf dieses wurde sich sowohl in der Predigt im Festgottesdienst, wie auch in den Ansprachen von Michael Müller und Wolfgang Schäuble bezogen. Wer ist „euch“? Das sind Groß und Klein, Dick und Dünn, Menschen mit und ohne Behinderungen, Politiker und Putzkolonnen, Deutsche und Nicht-Deutsche, Einheimische und Dazugekommene, er und sie, du und ich. Euch ist Vielfalt und sind alle – und nur gemeinsam, solidarisch, können wir auf das, was 1989/1990 geschaffen wurde aufbauen. Nur als Gemeinschaft können wir etwas bewegen – zum Besseren. Nur als Weltgemeinschaft können wir wirklich etwas gegen Armut, Ungerechtigkeit, Ungleichheit, Krieg und Gewalt unternehmen. Wir stehen vor besonderen Herausforderungen. Menschen haben Ängste. Aber das hatten die Menschen 1989/1990 auch – und haben sie sich davon abbringen lassen? Nein, sie haben es gewagt. Und wir müssen es auch wagen. Uns unserer Stärken bewusst werden. Unser Selbstbewusstsein, das wir haben dürfen, nutzen. Der Weg zu den Veränderungen? Das Gespräch, die Auseinandersetzung, die Debatte, die Diskussion und ja, manchmal auch der Streit – aber immer auf Grundlage der Demokratie und des Grundgesetzes. Und immer in Achtung und Respekt vor dem Nächsten. Eins wurde aber trotz aller Aufrufe zur Gesprächsbereitschaft deutlich gemacht: Rechtsradikalismus, Rechtspopulismus, Antisemitismus, Rassismus, Hass und Gewalt muss klar etwas entgegensetzt werden. Es muss sich klar dagegen positioniert werden. Und das ist möglich, denn wir sind mehr! Aber es kann auch nur gemeinsam gelingen wenn wir endlich das Verbindende betonen – nur mit euch.

Vor 28 Jahren wuchs nun also, um Willy Brandt zu zitieren, wieder zusammen was zusammen gehörte. Zumindest äußerlich. Im Inneren gibt es noch eine Menge zu tun. Gemeinsam, im Gespräch können wir dies aber schaffen – und das Engagement jedes Einzelnen.

Was können wir daraus für unsere Ziele und unsere Arbeit bei pro plus berlin e.V. ziehen?

Auch wir, Menschen mit HIV, sind ein Teil dieses Landes. Auch wir gehören zu „euch“. Und wir dürfen uns für unsere Ziele und Forderungen einsetzen. Allerdings, so empfinde ich es, müssen wir dazu auch erst wieder das Verbindende suchen, solidarisch zueinander werden. Wieso macht jede HIV-Community ihr Ding? Wieso streiten und kämpfen wir nicht gemeinsam, egal ob Mann, Frau, Homo, Bi, Deutsch, Flüchtling… ? Gemeinsam können wir mehr bewegen! Und genau dafür stehen wir bei pro plus berlin. Wir wollen gemeinsam, mit jeder und jedem der möchte, etwas bewegen – die Bilder von Menschen und dem Leben mit HIV erneuern und Diskriminierung und Stigmatisierung den Kampf ansagen. Aber das geht nur unter einer Voraussetzung – NUR MIT EUCH!

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