„Was braucht Aktivismus?“ – die Positiven-Universität 2019

Was braucht Aktivismus? Eine große Frage. Eine Frage auf die es nur eine Antwort geben kann? Auf jeden Fall die Frage, mit der sich die Teilnehmer der diesjährigen Positiven-Universität vom 07.-10.02. in der Akademie Waldschlösschen beschäftigt haben. Eine Frage, die neue Anstöße gegeben hat – und weiter geben kann.

Zu Beginn der Beschäftigung standen zwei Vorträge, die sich mit Aktivismus und Normalität beschäftigten (von Marcel Dams und der Fink).

     Unter anderem ging es darum, welche Themen Kampagnen der letzten Jahre beinhalteten. Dabei zeigte sich, dass es oft um Sex in Partnerschaften und die Nichtübertragbarkeit als Folge der Therapie ging. Doch ist das alles? Ist die Folge der Therapie nicht Gesundheit und ein längeres Leben? Und wo bleibt der Sex bei One-Night-Stands und in Darkrooms? Und wo wird überhaupt Sex thematisiert – und nicht nur (verschlüsselt) angedeutet? Es wurde resümiert, dass die Kampagnen gut waren, aber ausbaufähig sind. Denn wenn in einer Kampagne gefordert wird, dass Vorurteile gestrichen werden sollen, müssen diese auch klar benannt werden. Denn viele Menschen wissen gar nichts von den eigenen Vorurteilen.

     Zwar hat sich in den letzten Jahren einiges getan (PrEP, n=n, Schutz durch Therapie, Wissen um schwere Übertragungswege), doch das Stigma bleibt. Und dieses Stimga will uns unsere (individuelle) Sexualität absprechen. So ist und bleibt HIV EIN Thema – Diskriminierung und Stigmatisierung dürfen nicht vergessen werden. Und es geht um eine Frage: Wie kann durch zukünftige Kampagnen das Wissen um HIV in der Gesellschaft vom Kopf in den Bauch gelangen?

     Ein wichtiger Bestandteil zukünftiger Kampagnen ist der Normbruch. Denn in bisherigen Kampagnen geht es um Partnerschaft, Familie – normative Werte die für einen Großteil der HIV-Community (so es diese überhaupt gibt) nicht zutreffen. Und es sollten möglichst alle Lebenswelten wiedergespiegelt werden, jeder sich in der ein oder anderen Kampagne wiederfinden. All zu oft bestimmen die gesellschaftlichen Normen (oder die der Geldgeber) aber die Gestaltung der Kampagnen. Es muss möglich sein sein Leben, das auch unkonventionell und nicht normativ sein darf, zu leben – und es muss sich in Kampagnen zeigen. Kampagnen müssen wieder mehr Haltung für Vielfalt und Normbrüche zeigen. Denn wollen wir uns anpassen oder unser Leben führen?

     Wie sehr wir alle in Normen und Werte verfangen sind zeigt „The Charmed Circle“ nach Gayle S. Rubin. Nach diesem Kreis gibt es nur die Einteilung innerhalb oder außerhalb der Norm und macht deutlich, dass Vielfalt oft genau dazwischen liegt.

     Helfen bei neuen Kampagnen kann es uns, wenn wir diese nicht zu einer gewünschten Freiheit hin, sondern von dieser her planen. Wir uns nicht mehr als Opfer sehen, wir über dem Normen- / Wertekarussel stehen. Frei nach Toni Morrison, die sagte: „I don’t have a problem with discrimination. You have a problem.“ Und was unseren Kampagnen noch stehen würde wäre wieder mehr Aggressionen. Wir versuchen oft nett und brav zu sein, nicht aufzufallen. Aber können wir dadurch unsere Ziele erreichen, auf uns aufmerksam machen? Wenn wir mehr Mut zur Wut haben und unsere eignen authentischen Emotionen zeigen, dann haben wir die Chance etwas „vom Kopf in den Bauch“ gehen zu lassen.

Am nächsten Tag teilten sich die Teilnehmer*innen dann in drei Gruppen auf. In diesen wurden folgende Themen bearbeitet:

  • Track A: Basis-Ausbildung Aktivismus – Tools Pressearbeit, Social Media, journalistischer Blick
  • Track B: Kampagnen-Aktivismus – Kritischer Blick auf Kampagnen der vergangenen Jahre und ihre Erfolge und Misserfolge
  • Track C: Was brennt mir unter den Nägeln? Welche aktuellen Themen sind aus Sicht der Menschen mit HIV von Bedeutung für eine Kampagne?

In allen drei Tracks wurde sich auf unterschiedlichen Arten und Weisen mit den Themen beschäftigt. Und am Ende des Tages stellten alle drei Tracks ihre Ergebnisse vor.

     Dabei hat Track A ein Handout erarbeitet, in dem es um den Umgang mit den sozialen Medien für eine Kampagne geht. Es geht darum, dass nur Medien benutzt werden sollen, in denen man sich auskennt. Man authentisch sein soll. Es geht um die Wichtigkeit kurzer und prägnanter Hashtags und von Mitstreiter*innen. Es geht darum, dass man nur das schreiben sollte, was man auch wirklich von sich preisgeben will und wie man mit „Trollen“ umgehen soll. Es wird aufgeführt, dass es auch um ein Fazit und Reflexion geht. Es geht aber auch darum, dass man selbst auf seine Ressourcen und sein Befinden achten und sich nicht überarbeiten soll – man sich auch Pausen nehmen soll und muss.

     Im Handout des Track B geht es um einen Leitfaden für die Planung von Kampagnen und Aktionen. Eine Art grober Fahrplan. Es geht um was  WER, WAS und WIE und welche Schritte vor, während und nach der Kampagne wichtig sind. Dabei kann dieser Leitfaden in seinen Grundzügen auf alle Kampagnen (ebenso für Aktionen und Projekte) angewandt, muss aber je nach Thema ein wenig flexibel gehandhabt werden.

     Der Track C befasste sich in seinem Workshop derweil mit dem, was den dort sitzenden Teilnehmer*innen unter den Nägel brennt. Welche Themen müssen aufgegriffen werden? Was muss dringend in die Gesellschaft getragen werden? Aktivismus, so die Gruppe, ist kein Konsum. Aktivismus muss gelebt werden, damit etwas in die Gesellschaft getragen werden kann. Er muss stellvertretend für die gemacht werden, die noch nicht ihre Stimme erheben können. Allerdings kann man mit einer Kampagne nicht alle mitnehmen. Es geht darum gezielter zu agieren. Darum provokativ zu sein. Machen wir Kampagnen für die Geldgeber oder eine bestimmte Zielgruppe? Resümiert hat die Gruppe, dass Aktivismus auf vielen Ebenen stattfindet – im persönlichen Umfeld, regional, überregional. Auf allen Ebenen benötigen wir aber mehr Selbstbewusstsein – um zu provozieren, um Normen aufzubrechen, um zu sehen (um das Bewusstsein) in welcher Gesellschaft / Situation wir gerade leben. Und es geht auch um ein Selbstbewusstsein gegenüber der Politik, die zu viel noch tabuisiert und uns versucht „ruhig“ zu halten. Als die wichtigsten Themen legte die Gruppe im Laufe des Tages folgende Themen fest:

  • Sex
  • Empowerment (nach innen und nach außen)
  • Normativität vs. Individualität
  • Schuld & Scham
  • Vielfalt

Die ersten drei Themen wurden dann in den nächsten Tag genommen, an dem sich drei neue Gruppen (zu je einem Drittel aus den bisherigen Gruppen) zusammensetzten und zu einem der Themen eine Kampagne entwickeln sollten. Dabei ging es nicht um ein bestimmtes Ergebnis, sondern der Weg sollte das Ziel sein.

Am Abreisetag wurden dann die Ergebnisse aus den einzelnen „Kampagnengruppen“ im Plenum vorgestellt. Dabei wurde deutlich, wie wichtig das WER (Absender und Zielgruppe), WIE und WAS (Ziele) in der Vorbereitung ist. Die Antworten darauf fallen vielleicht nicht immer leicht. Aber sie sind fundamental, die Basis. Und wenn man sie gefunden hat macht es die weitere Planung einer Kampagne und Ideen dafür leichter. Der Leitfaden kann ein roter Faden bei der Planung sein. Wichtig bei der Planung ist noch, dass Störungen immer Vorrang haben sollten. Wenn etwas plötzlich nicht rund ist, dann muss dies vorrangig besprochen werden. Sonst kommt man nicht weiter. Und egal wie weit eine Planung ist, lieber eine Kampagne absagen als eine schlechte Kampagne durchzuführen. Denn hinter einer Kampagne sollte / muss man 100%ig stehen – sonst fehlt die Authentizität. Und eine Kampagne kann nur klappen, wenn auch mal etwas schief gehen kann.

     Nichtsdestotrotz gab es zwei Ergebnisse, die über die Positiven-Universität hinaus bearbeitet werden. So wird an der Kampagne #nichtmeinbier gearbeitet. Hier geht es darum, dass Vorurteile gegenüber Menschen mit HIV an deren Absender wieder zurückgegeben werden. „Deine Vorurteile sind nicht mein Bier!“ (siehe Facebook). Die Kampagne #normalanders hat den Titel „Mein Normal ist anders“. Da es schwer fällt die alten Bilder von Menschen mit HIV und dem Leben damit zu verändern sollen bewusst neue Bilder (provokativ, abseits falscher Normen) gesetzt werden. Auch hier wird die erlebte Diskriminierung nicht angenommen, sondern an den Absender zurückgeschickt – nach dem Motto: DEINE Diskriminierung ist DEIN Problem! #normalanders wird dabei eine Kampagne sein, die durch uns (pro plus berlin e.V.) unterstützt und auf unserer Homepage verbreitet wird.

     Insgesamt waren es vier arbeitsreiche Tage in der Akademie Waldschlösschen, die alle Teilnehmer*innen sehr gefordert haben. Aber es waren gute Tage, die die*den Einzelne*n wieder empowert haben und neue Impulse und Ansätze gesetzt haben. Nun liegt es an uns diese umzusetzen!

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