„Ich bin HIV-positiv und kann Sex ohne Kondom haben.“

Kann man das sagen? Was ist das für ein Unsinn? Ist das nicht fahrlässig und unverantwortlich?

Um es kurz zu machen: Ja, das kann man sagen! Es ist kein Unsinn! Und es ist weder fahrlässig noch unverantwortlich – denn Schutz durch Therapie ist eine wissenschaftlich bewiesene Tatsache! Und ich stehe zu diesem Satz – denn ich habe ihn gesagt.

Aber wie kam es zu diesem Satz?

Ich habe in diesem Jahr die Ehre zum heutigen Welt-Aids-Tag eins der vier neuen Kampagnenmodelle für #wissenverdoppeln zu sein. 2018 startete die Kampagne und wurde so gut angenommen, dass sie in diesem Jahr fortgesetzt wird. Und ich habe mich mit meiner Geschichte dafür zur Verfügung gestellt.

Was will #wissenverdoppeln? Welches Wissen soll verdoppelt werden? Es geht darum, dass die Botschaft, dass HIV unter Therapie NICHT übertragbar ist, weiter gesagt wird. Denn leider wissen nur circa 10% der Menschen in Deutschland davon. Und das wollen wir (die Deutsche Aidshilfe und wir Kampagnenmodelle) ändern. Aus 10% sollen 20% werden – eine Verdoppelung. Und aus 40% dann 80% – bis es alle Menschen wissen: HIV-Medikamente verhindern die HIV-Übertragung. Denn wenn das Virus unter einer erfolgreichen HIV-Therapie nicht mehr im Blut nachweisbar ist, dann ist es auch beim Sex ohne Kondom nicht übertragbar. Und das ist kein Wunschdenken, das ist wissenschaftlich erwiesen. Und dieses Wissen bedeutet eine Erleichterung für Menschen mit HIV und ihre Partner*innen und hilft nicht nur unbegründete Ängste, sondern auch Zurückweisung und Diskriminierung abzubauen. Umso wichtiger ist es, dass sich das Wissen um die Nichtübertragbarkeit mehr und mehr verdoppelt! Und ich trage meinen Teil dazu bei!

Aber ist der Satz „… und kann Sex ohne Kondom haben“ nicht zu provokativ?

Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht, ob man den Satz so nehmen und ohne weitere Erläuterung stehen lassen kann. Denn ich weiß, dass ich damit nicht nur etwas intimes von mir preisgebe, sondern auch Menschen unter Umständen provoziere. Ich gebe preis, dass ich Sex ohne Kondom bevorzuge. Ich liebe es leidenschaftlich und mein Gegenüber mit jedem Zentimeter des Körpers zu spüren – ohne etwas materielles dazwischen. Aber ich stelle mich auch darauf ein, dass sich Menschen provoziert fühlen, mir Vorwürfe machen werden. Sie mich als unverantwortlich und Gefahr bezeichnen werden.

Wieso sich Menschen provoziert fühlen können? Aus Unwissenheit. Weil sie nicht wissen, dass sich im letzten Jahrzehnt einiges im Bereich HIV und Sexualität geändert hat. Und dass sich Safer Sex geändert hat… Bin ich unverantwortlich und eine Gefahr? NEIN!

Seit der ersten Veröffentlichung zur Nichtübertragbarkeit von HIV unter einer erfolgreichen HIV-Therapie 2008 durch die damalige Eidgenössische Kommission für Aids-Fragen in der Schweiz haben sich bis heute drei Möglichkeiten des Safer Sex entwickelt – das Kondom, die PrEP und der Schutz durch Therapie. Alle drei Möglichkeiten sind sichere Schutzmaßnahmen vor der Infektion mit dem HI-Virus. Und ich praktiziere Schutz durch Therapie. Ich nehme täglich meine Medikamente ein und dadurch ist der Virus in meinem Blut nicht mehr nachweisbar – ich bin unter der Nachweisgrenze. Und dadurch kann sich niemand bei mir mit HIV anstecken – und ich kann auf die Benutzung des Kondoms verzichten. Das ist meine Entscheidung! Und jeder kann für sich die geeignete und passende Schutzmöglichkeit nutzen. Dazu müssen die Menschen nur wissen, was die Übertragungswege von HIV und die passenden Schutzmaßnahmen sind…

Ich möchte dieses Wissen um die Nichtübertragbarkeit von HIV verdoppeln und zeige deshalb mein Gesicht. Und ja, vielleicht provoziere ich mit meiner Aussage auch ein wenig, aber vielleicht können wir darüber endlich wieder ins Gespräch über HIV kommen – und dadurch Vorurteile und Diskriminierung / Stigmatisierung abbauen!

Die Nichtübertragbarkeit ist wissenschaftlich bewiesen, ich bin unter der Nachweisgrenze – deswegen kann ich guten Gewissens auf ein Kondom verzichten. – Aber eins möchte ich noch anmerken: Ich beziehe mich hier nur auf den Schutz vor HIV. In Bezug auf Geschlechtskrankheiten bedarf es weiterhin der persönlichen Risikobewertung und des individuellen Schutzes. Das war auch beim Kondom schon immer so. Denn auch dies ist bei Geschlechtskrankheiten nicht 100%ig sicher – oder blässt / leckt jeder von den werten Leser*innen mit Kondom*Femidom? 

Lasst uns miteinander reden und das Wissen verdoppeln: Wenn HIV nicht mehr nachweisbar ist, ist es auch nicht übertragbar!

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